SPI präsentiert Kirchenstatistik – Erfreuliches und Nachdenkliches zugleich
Freitag, 18. September 2026Was auf kantonaler Ebene bereits im Frühjahr kommuniziert wurde, bestätigt sich auch auf nationaler Ebene: Zum zweiten Mal in Folge sind 2025 die Kirchenaustritte zurückgegangen. 27'878 Personen verliessen im vergangenen Jahr die katholische Kirche in der Schweiz. So erfreulich der Rückgang an Austritten, so herausfordernd bleibt die Situation. «Der kirchliche Nachwuchsmotor stockt», heisst es seitens des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) bei der diesjährigen Statistikpräsentation.
Auch wenn sich die Zahlen verändern, so gehören die beiden Landeskirchen zweifelsfrei zum Inventar der Schweiz. Die jährliche Kirchenstatistik ordnet Veränderungen und Verschiebungen im Gefüge der ältesten und grössten gesellschaftlichen Institutionen der Schweiz ein.
2025 ist der nochmalige Rückgang der Austrittszahlen sowohl in der katholischen als auch in der reformierten Kirche «überraschend stark ausgefallen», kommuniziert das SPI. Man sei nun auf dem Niveau vor 2019. Konkret sind im vergangen Jahr 27’878 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten, während die reformierte Kirche 26’243 Austritte zu verzeichnen hatte. Folglich zählte die katholische Kirche Ende letzten Jahres 2,68 Millionen Mitglieder, die Reformierten kommen auf 1,77 Millionen Mitglieder.
So erfreulich die Entwicklung, so herausfordernd bleibt das Gesamtniveau der Austrittszahlen für die Kirchen. Aufgefallen sind dem SPI auch Unterschiede in der Begründung: Während auf reformierter Seite die Austritte stark mit mangelnder persönlicher Relevanz der Kirche begründet werden, werden katholischerseits stärker konkret störende Einzelaspekte im Leben der Kirche ins Feld geführt – in den letzten Jahren waren dies vor allem Kritik am Verhalten der Kirchenverantwortlichen im Bereich sexueller Missbräuche und ihrer Vertuschung während der letzten siebzig Jahre.
Kirchen werden kleiner
Arnd Bünker, Institutsleiter des SPI, kam im Rahmen der Statistikpräsentation auch auf das Nachwuchsmodell der Kirche zu sprechen. Dieses fange die Mitgliederverluste nicht mehr auf. Will heissen: Die Taufzahlen und die Zahlen kirchlicher Trauungen sind in beiden Kirchen rückläufig. Und sie sind deutlich kleiner als die Austritts- und Bestattungszahlen. Daher gelingt die intergenerationelle Mitgliedererneuerung nicht mehr», so Arnd Bünker. «Der kirchliche Nachwuchsmotor stockt. Die Kirchen werden kleiner.» Auch die Migration kann diese Entwicklung nicht mehr (über-)kompensieren, wie es in der katholischen Kirche noch bis in die 2010er-Jahre der Fall gewesen sei.
Erwachsenentaufen – ein neuer Boom?
Viel Platz nimmt in der aktuellen Statistikpräsentation der Blick auf die Erwachsenentaufen ein. Diese stiegen im vergangenen Jahr auf 339 Personen. Auch wenn die geringe Zahl statistisch nur wenig aussagekräftig sei und noch kein Trend abzulesen ist, so bleibt gemäss SPI die Beobachtung, dass das Taufalter steigt und der Anteil Taufen bei Neugeborenen zurückgeht.
Erwachsenentaufen werden zudem anders wahrgenommen als noch vor einigen Jahren. Das SPI sieht dahinter ein kulturelles Phänomen: Die mediale Berichterstattung über Erwachsenentaufen, das gestiegene journalistische Interesse, die aufflackernden «religionspolitischen» Deutungen des Phänomens und die auch über digitale Kommunikation verstärkte Sichtbarkeit von christlicher Religion und von Menschen, die sich explizit zu einer Kirche bekennen, mache Religion und Taufentscheidung zum Sonderfall in einer säkular geprägten Kultur. Als solches seien sie sichtbarer als bislang. «Religion wird öffentlicher gelebt, selbstbewusster gezeigt und mit entsprechenden Inszenierungen, Symbolen und Bekenntnissen ausgedrückt», heisst es im dazugehörigen Bericht.
Die Landeskirchen sind demnach gefordert, in dieser Situation der Verschiebung von religiöser Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit ihren gesellschaftlichen Platz, die Art, wie man Kirchen sieht und was man von ihnen erwartet, zu analysieren und als religiöse Institutionen, als Glaubensgemeinschaften neu, sichtbarer und erkennbarer zu gestalten – ohne dabei voreiligen Deutungen und Fehldeutungen zu erliegen.
Veränderungen anpacken
Zu Wort kam im Rahmen der Statistikpräsentation auch der St.Galler Bischof Beat Grögli. Auch wenn der Rückgang der Austrittszahlen erfreulich sei, sehe er keinen Grund, Veränderungen deswegen nicht anzugehen. Unter anderem schwebt Bischof Beat vor, vermehrt auch Lernorte des Glaubens zu entwickeln. Kirchen würden sich nicht steuern lassen wie Konzerne. Vielmehr gehe es bei allem notwendigen Management darum, offen zu sein für das, was passiere und zu hören, was Menschen beschäftige, erfreue oder besorge, ängstige, hoffen lasse.
Auf dem Weg zu einer neuen Kirchengestalt gilt es auch, sich von alten Bildern zu trennen. In der säkularen Gesellschaft steige das Interesse am sichtbaren Ausdruck von Glauben. Ein gutes Selbstbewusstsein sei heute gefragt, einhergehend mit einer respektvollen Haltung gegenüber anderen. «Das verändert das Verständnis von Mission», so der St.Galler Bischof.
Hinweis:
Weitere Details und Grafiken zur Statistik finden sich unter www.kirchenstatistik.ch. Träger des SPI ist der Katholische Konfessionsteil des Kantons St.Gallen.
rf