OSZE-Delegation erlebt die Faszination der St.Galler Stiftsbibliothek
Dienstag, 10. Februar 2026Hochrangige Vertreterinnen und Vertreter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), deren aktuelle Konferenz in St.Gallen stattfindet, besichtigten am Dienstagmorgen, 10. Februar, die Stiftsbibliothek St.Gallen. Da die OSZE weit über die EU-Grenzen greift, wurden auch zwei besondere Exponate präsentiert. Die OSZE steht im Jahr 2026 unter dem Vorsitz der Schweiz. An der Konferenz in St.Gallen vom 9. und 10. Februar werden aktuelle Herausforderungen im Kampf gegen Antisemitismus, Intoleranz und Diskriminierung beleuchtet.
Kim Brockman, die ehemalige Leiterin der Diözesanen Kirchenmusikschule, war eine der Führerinnen. Foto: Roger Fuchs
Das Sicherheitsdispositiv am Dienstagmorgen im Stiftsbezirk St.Gallen hatte einmal mehr seinen Grund: Minister, Botschafter, hochrangige Vertretungen von Regierungen sowie Expertinnen und Experten fanden sich aufgeteilt in mehrere Gruppen zu einer Führung durch die Stiftsbibliothek ein. Sie alle weilen dieser Tage an der OSZE-Konferenz. Begrüsst wurden sie von Philipp Lenz, dem stellvertretenden Stiftsbibliothekar. Bundesrat Ignazio Cassis, der in diesem Jahr den Vorsitz der OSZE innehat, war nicht unter den Anwesenden.
Zeugnisse zur Geschichte Europas
«Weil die OSZE die inklusivste europäische Organisation ist, werden wir eigens zwei spezielle Exponate auf den beiden Stirnseiten der zentralen Vitrine – anstelle des Öllämpchens und des kleinen antiken Marmorkopfs – präsentieren», sagte Cornel Dora bereits im Vorfeld des exklusiven Besuchs. Und so kam es denn auch: Zwei einzigartige Zeugnisse zur Geschichte Europas lagen zur Ansicht bereit.
Auf der einen Seite der mittleren Vitrine konnten die Gäste den Cod. Sang. 1346, eine handschriftliche Überlieferung mit der ersten Erwähnung Europas als geographische und christlich geprägte kulturelle Einheit in der heutigen Ausdehnung, begutachten. Diese Ersterwähnung stammt aus der Briefanrede Columbans an Papst Gregor den Grossen (um 600), in der ihn dieser als «die ehrwürdigste Blume des ganzen zerfallenden Europas» bezeichnet.
Eine Handschrift des Aachener Karlsepos gab es auf der anderen Stirnseite der Mittelvitrine zu bestaunen. In der Dauerleihgabe aus der Zentralbibliothek Zürich sind wesentliche Aspekte der Vorgeschichte zur Kaiserkrönung Karls des Grossen an Weihnachten 800 enthalten. In der Mitte der gezeigten Seite finden sich die entscheidenden Verse mit der ersten und zeitgenössischen Verwendung des Begriffs «Vater Europas» für Karl den Grossen. Sämtliche Führungen für die Teilnehmenden der OSZE-Konferenz wurden in englischer Sprache abgehalten.
Mit Fotos den Besuch dokumentieren
Die Gäste staunten ob der Einzigartigkeit der Stiftsbibliothek St.Gallen. Allenthalben wurden denn auch die Mobilephones gezückt, um den Besuch in der ältesten Bibliothek in der Schweiz, seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe, festzuhalten.
Die eigentliche Konferenz der OSZE-Mitgliedstaaten dreht sich um «Bekämpfung von Antisemitismus: Bewältigung der Herausforderungen von Intoleranz und Diskriminierung». Bezweckt wird hiermit eine Bestandsaufnahme aktueller Trends, und die Zusammenarbeit zwischen den OSZE-Teilnehmerstaaten und den Akteuren der Zivilgesellschaft soll gestärkt werden. «Die wirksame Bekämpfung von Hass und Intoleranz erfordert politischen Willen, nachhaltige Zusammenarbeit und die Bereitschaft, auch schwierige Realitäten offen anzusprechen», heisst es im entsprechenden Medientext auf der Website des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA.
Im Verlauf des Jahres hat die OSZE vier weitere internationale Konferenzen in der Schweiz geplant.
Text und Bilder: Roger Fuchs