«Wir müssen sichtbar machen, was die Kirche bringt»

Montag, 16. Dezember 2019

Am 1. Juni 2016 übernahm Martin Gehrer (62) das Amt des Administrationsratspräsidenten des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St.Gallen. Ende Jahr gibt er sein Amt an Raphael Kühne weiter. Von 2008 bis 2016 war er Regierungsrat des Kantons St.Gallen.

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Was war die grösste Herausforderung, die Sie als Präsident des Rates bewältigen mussten?

Martin Gehrer: Mein Wechsel von der Politik zur Kirche brachte viele Änderungen mit sich. Andere Menschen, andere Themen und andere Fragestellungen. Ich war als Mitglied der Regierung und als Departementsvorsteher stark mit politischen, strategischen und Führungsaufgaben befasst.

Als Administrationspräsident nahm ich häufig auch operative Aufgaben war, arbeitete also an der Erstellung von Botschaften und Berichten an das Katholische Kollegium (Parlament) unmittelbar selber mit oder bereitete wichtige Geschäfte für den Administrationsrat selber vor. Ein persönlicher Mitarbeiter oder eine Assistentin für Korrespondenzen oder Kalenderführung stand mir nicht zur Verfügung. Das bedeutete eine Umstellung im Zeitmanagement und in der Arbeitsweise.

Was waren die heissen Eisen?

Gehrer: Inhaltlich bot das neue Umfeld auch neue Herausforderungen. Häufig ging es dabei um die Finanzierung von besonderen oder neuen Aufgaben. So mussten wir zum Beispiel für die Pensionskasse der Diözese eine Nachfinanzierung beantragen, welche die Kirchgemeinden in die Pflicht nahm.

«Vom Kanton würde ich mir mehr Unterstützung wünschen.»

Es handelte sich zum Teil um freiwillige Beiträge. Sämtliche Gemeinden haben zugestimmt. Ebenso erfreulich war die Vorlage über die stationären Palliative-Care-Einrichtungen (Sterbe-Hospize, die Red.), welche die Kirchen relativ grosszügig mitfinanzieren.

Der Kanton St. Gallen nimmt bei Palliative-Care in der Schweiz eine Vorreiterrolle ein. Die kantonale Kirche hatte somit ein leichtes Spiel…

Gehrer: Das ist so. Vom Kanton würde ich mir dennoch mehr Unterstützung wünschen. Deshalb sind wir jetzt für vier Jahre in die Lücke eingesprungen. Dies kostet den Katholischen Konfessionsteil etwas mehr als eine halbe Million Franken. Auch die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen ist eingesprungen. Dies ist ein belebtes Zeichen der guten Zusammenarbeit, die wir mit der evangelischen Landeskirche pflegen.

Was ist speziell am Bistum St. Gallen, das Sie an andere Bistümer weitergeben möchten?

Gehrer: In der Zusammenarbeit ist es ein grosser Vorteil, dass das Bistum St. Gallen – einmal abgesehen von der apostolischen Administratur beider Appenzell – nur einen Kanton umfasst. Damit hat der Bischof auf der staatskirchenrechtlichen Seite lediglich ein Gegenüber, und erst noch unter dem gleichen Dach. Wir stehen direkt im Kontakt zueinander. Unsere Büros liegen nur ein paar Türen auseinander. Dies macht ihm die Kontaktaufnahme einfacher, als wenn er sich wie andere Bischöfe mit den Vertretern mehrerer Kantone treffen müsste.

Die zweite Besonderheit, die uns von den Landeskirchen anderer Kantone unterscheidet, ist, dass wir mehrere Museen führen, darunter die weltberühmte Stiftsbibliothek, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.

Sodann führen wir als selbständiger öffentlich-rechtlicher Schulträger die Katholische Sekundar- und Realschule «Flade» und bilden darüber hinaus in unserer Diözesanen Musikschule Kirchenmusikerinnen und –musiker aus. Damit übernehmen wir in der Schulbildung staatliche Aufgaben.

«Wir übernehmen in der Schulbildung staatliche Aufgaben.»

Sie kennen beide Seiten: Staat und Kirche. Darum die Frage: Was für eine Art Unternehmen ist die Kirche?

Gehrer: Der Katholische Konfessionsteil bewahrt und pflegt das Erbe, welches das Kloster St. Gallen ihm hinterliess. Teilweise macht er dies eigenständig und eigenverantwortlich, teilweise gemeinsam mit dem Kanton. Davon profitieren alle. Wichtig ist, dass die Zusammenarbeit funktioniert. Kirche und Staat gehen als eine gewachsene Tradition zusammen vorwärts.

«Auch in der Kirche wird es zunehmend schwerer, Menschen zu motivieren.»

Vor meiner Tätigkeit als Administrationsratspräsident war ich Mitglied der Kantonsregierung. Das Netzwerk von damals erleichterte die Zusammenarbeit und vereinfachte oder verkürzte da und dort auch die Wege. Dies war gelegentlich hilfreich, denn mitunter «ticken» kantonale und kirchliche Behörden ziemlich unterschiedlich.

Beispielsweise basiert kirchliches Engagement häufig auf ehrenamtlicher und Freiwilligenarbeit und unterscheidet sich allein dadurch von den Abläufen in einer kommunalen oder einer kantonalen Verwaltung. Allerdings fällt es auch in der Kirche zunehmend schwerer, Menschen für diese Form von Teilhabe an der Gesellschaft zu motivieren. Immer mehr muss auch die Kirche Leistungen von Mitwirkenden entschädigen.

«Bischof Büchel ist offen für das duale System unserer Kirche.» Martin Gehrer

Als Regierungsrat standen Sie verschiedenen Parteien gegenüber. In der Kirche sind es zwei: Bischof und Kirchenparlament. Kommt es zu ähnlichen Kämpfen wie in der Politik?

Gehrer: Das Katholische Kollegium ist ein Parlamentsbetrieb. Es funktioniert jedoch völlig anders als das, was wir in der Politik kennen. Das Kollegium kennt – anders als der Kantonsrat – keine Fraktionen oder Parteien. Umso wichtiger sind die Regionen. Inhaltlich sind die Meinungen zwar oft deckungsgleich, regionalen Befindlichkeiten kommt aber bei Projekten, bei Wahlen oder auch bei Arbeitsvergaben grosse Bedeutung zu.

Mit dem Bischof haben wir ein sehr gutes Auskommen. Wir sitzen regelmässig zusammen und haben das Glück, dass Bischof Markus Büchel offen für die Anliegen der Menschen ist und auch zum dualen System unserer Kirche steht. Wir mögen und respektieren uns gegenseitig. In meiner Amtszeit kam es kein einziges Mal zu «Kämpfen» oder Streitigkeiten zwischen dem Bischof und dem Administrationsrat.

«Der Einsatz der Kirche wird oft gar nicht wahrgenommen.»

Wie werden Sie sich künftig in die Kirche einbringen?

Gehrer: Ich werde mich nicht in die Geschäfte meines Nachfolgers einmischen. So halte ich es auch als ehemaliger Regierungsrat. Im gemeinnützigen Bereich werde ich aber dann und wann sicher wieder eine Aufgabe übernehmen.

Welche Baustellen überlassen Sie Ihrem Nachfolger Raphael Kühne.

Gehrer: Er hat den grossen Vorteil, dass er dem Administrationsrat bereits angehört. Er kennt die aktuellen Geschäfte und Vorhaben. Eine Leiche im Keller wird er nicht finden, es gibt keine.

«Wir versuchen, diese Arbeit lauter werden zu lassen.» Martin Gehrer

Welche Bedeutung hat die Kirche für die Gesellschaft?

Gehrer: Eine völlig unterschätzte! Die Kirche erfüllt wichtige Aufgaben für die Gesellschaft. Dies wird aber oft gar nicht wahrgenommen. Leider wird stärker wahrgenommen, was an Skandalen über die Kirche hereinbricht

Die Kirche verrichtet viele Arbeiten im Stillen…

Gehrer: Wir versuchen, diese Arbeit lauter werden zu lassen, besser spürbar. Wir müssen noch klarer und deutlicher aufzuzeigen, was die in der Kirche engagierten Menschen leisten. Wir müssen sichtbar machen, wofür die Kirchensteuern verwendet werden und was die Kirche «bringt». Dies sind wir den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern schuldig, insbesondere auch jenen, die sich vielleicht nicht aktiv in das Kirchenleben einbringen, sich aber mit ihren Steuern solidarisch zeigen. Ihnen gehört ein Dankeschön.

Was ist die wichtigste Aufgabe, die die Kirche in der Gesellschaft wahrnehmen soll?

Gehrer: Neben den pastoralen Aufgaben und der Seelsorge denke ich generell an die Diakonie, also an den Dienst an den Menschen und zwar in allen Lebensbereichen. Insbesondere muss sich die Kirche für Benachteiligte einsetzen.

Die katholische Kirche und die politischen Parteien haben eines gemeinsam: Sie müssen junge Menschen zum Mitmachen bewegen. Wie kann die Kirche die Jugend dazu motivieren, dass sie auf den Zug «katholische Kirche» aufspringt?

Gehrer: Das Wichtigste sind die Menschen, die den Kontakt zu den Jugendlichen suchen und finden, die den Zug bilden, auf den die Jugendlichen aufspringen können. Stichworte sind: Kommunikation und Vermittlung.

«Wenn die Kirche auf die Jungen eingeht, hat sie eine Chance.»

Gefragt sind «Drahtzieher im positiven Sinn», also Menschen, die den Draht zu den Jugendlichen finden, die Themen ansprechen, welche die Jugendlichen interessieren, und die nicht auf einer hohen, abstrakten Ebene über theologische Dinge diskutieren wollen. Ein gutes Bespiel, wie dies gelingen kann, ist die in unserem Bistum mit Erfolg praktizierte Firmung ab 18.

Wenn die Kirche konkret auf das eingeht, was die Jungen bewegt, und versucht, dies mit dem christlichen Gedankengut zu verknüpfen, dann hat sie eine Chance. Ein solches Thema ist aktuell die Umwelt.

«Papst Franziskus war anfänglich ein Hype.»

Die Kirche muss deutlich machen, was der Zusammenhang zur Schöpfung ist. Was sagen uns die Schöpfung und die Schöpfungsgeschichte? Wie sollen wir mit unseren Ressourcen umgehen? Ich glaube, solche Fragestellungen sprechen die Jugendlichen an.

Sticht die Karte Papst Franziskus bei der Jugend?

Gehrer: Papst Franziskus war anfänglich ein Hype. Seine Bescheidenheit, sein Engagement für die Schwachen und sein Appell für einen globalen gesellschaftlichen Wandel fanden breites Gehör. Er stellte ethische Werte in den Vordergrund und transportierte sie in einer offenen Art und Weise. Ich habe allerdings den Eindruck, dass seine Botschaft heute nicht mehr den Anklang findet wie zu Beginn seines Wirkens. Für viele ist die Diskrepanz seiner Botschaft zum Verharren der Kirche auf Positionen zu gross. Und vieles in der Kirche scheint gerade für Jugendliche unglaubwürdig.

Wer soll also auf die Jugend zugehen?

Gehrer: Wir alle. Wir sind alle Kirche. Das beginnt schon im Elternhaus und geht weiter in der Schule. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Religion und mit den verschiedenen Religionsgemeinschaften soll in der Schule geführt werden. Der Lehrplan 21 schafft den Raum: Ethik, Religion und Gemeinschaft haben nebst den Leistungsfächern einen wichtigen Platz im Unterricht. Das soll und darf so bleiben, gerade im Kanton St. Gallen, in welchem die Volkschule von Gesetzes wegen nach christlichen Grundsätzen geführt wird.

© Katholisches Medienzentrum / Georges Scherrer