“Die Welt ist eine Scheibe“

Freitag, 07. November 2014

Abt Urban Federer referierte an der flade zum Thema "Christliche Schule als Chance"
"Die Welt ist eine Scheibe"

Was bedeutet Bildung aus Sicht eines Benediktiners? Und warum glaubt Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln im Jahr 2014, dass die Welt eine Scheibe ist? Rund eine Stunde lang folgten rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörern kürzlich dem Vortrag des Abtes im Musiksaal der flade. Hanspeter Trütsch, Bundesaus-Redaktionsleiter von SRF und ehemaliger flade-Schüler war Moderator der Fragerunde.

Die flade war einst eine Klosterschule. Seither hat sich viel verändert. "Ja, ich glaube dass die Welt heute eine Scheibe ist", sagte der Abt. Was einst belächelt wurde als mittelalterliches Unwissen, sei heute in anderem Sinne eine technische Realität. Gemeint sind die Touch-screens von Handys oder Tablets, mit denen heute ein Grossteil der Bevölkerung fast ständig beschäftigt ist. "Keine Angst vor der Scheibe zu haben: das ist benediktinisch", sagte Abt Urban. Zum benediktinischen Bildungsideal gehörte immer beides: der Einsatz modernster Technik und innovatives Denken. In St.Gallen hatte man nie Angst vor der Welt: Früher haben die Mönche ihre Ideen der Welt in wertvollen Handschriften niedergeschrieben, heute würden sie Ihr Wissen als App zugänglich machen! Auf dieser Scheibe spielt sich alles ab. Das ist Realität und Bildung muss immer auch die Realität im Auge haben. Darum dürfen wir keine Angst vor der Welt der Scheibe haben.  

Benediktinischer Zugang
Der promovierte Germanist Urban Federer hat als Abt und Lehrer im Kloster Einsiedeln viel Erfahrung mit der Bildungsarbeit in einer christlichen Schule. Christlich gebildet sein, heisst nicht, dass Bildungsinhalte anders werden; 1+1 ergibt auch in einer christlichen Schule 2. Viel wichtiger ist für den Benediktiner die Frage, wie an einer Schule wie der flade mit Lerninhalten umgegangen wird. Den rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörern im Musiksaal der flade vermittelte er einen hochinteressanten, benediktinisch-mystischen Blick auf das Thema und auf das christliche Menschenbild. 

Aus dem 14. Jahrhundert
Der Begriff Bildung findet sich zum ersten Mal beim Mystiker Meister Eckhart (1260–1328) als "bildunge". "Bildung ist nichts Abgeschlossenes, ein alleiniges Anhäufen von Wissen", betonte Urban Federer. "Bildung im ursprünglichen Sinn ist christlich, sie hilft allen Menschen, ihre Berufung zu entdecken, jenem Bild immer näher zu kommen, das Gott in uns gelegt hat – die Gottebenbildlichkeit". Bei Meister Eckhart sei "bildunge" ein lebenslanger Prozess, in dem der Mensch sich durch Gott formen lasse. "Sie hat das Ziel, dass Gottes Bild, das in jeder menschlichen Seele verborgen ist, in uns aufleuchtet und in uns wiederhergestellt werden soll", sagte der Benediktiner. Und das heisst? "Damit gibt die Bildung einem Menschen seine Würde, eine Würde, die uns göttlich macht, da der Mensch durch Bildung immer mehr zu dem wird, wozu er erschaffen wurde." Bildung kommt für Abt Urban von Gott her und das ist "entstressend". Wir Menschen dürfen so gesehen alles geben, was möglich ist, aber die Vollendung erwarten wir von Gott. 

Eigenständigkeit fördern
Gute christliche Bildung, so wünscht sich der Benediktiner, hilft Schülerinnen und Schüler eigenständige Personen zu werden, davor brauche eine Schule keine Angst zu haben. Anders als die Mächtigen dieser Welt die stets Angst hatten vor gebildeten Menschen, sie sind weniger manipulierbar. An der flade brauche auch niemand Angst vor dem Glauben haben. "Gott hilft uns, die Würde jedes Menschen zu entdecken", betonte er noch einmal. "Alle Menschen, alle Schülerinnen und Schüler haben ihre je eigene Würde, die wir ihnen nicht alleine mit Noten und Zeugnissen geben können und dürfen", fasste der Abt zusammen. "Vielmehr dürfen wir ihnen aus einer christlichen Sicht auf den Menschen heraus ein Urvertrauen auf ihre eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten geben." Und speziell zur ehemaligen Klosterschule flade betonte er zur langen Tradition der Schule wie zum benediktinischen Ursprung: "Hier dürfen Sie Kraft sammeln, denn hier wurde schon immer Bildung gesammelt, verdaut, diskutiert und auf ein Ziel hin gelebt: auf Leben in Fülle." Viele im Saal teilten die Ansicht des Abtes: "Wer einmal als Knabe im Klosterschulhaus zur Schule ging, wird eines Tages sagen: Wir spürten das Besondere des Ortes, hätten das aber nie so sagen können." Bildung sei in der Architektur dieses Hauses "Fleisch geworden" durch all die Jahrhunderte, in denen hier Schüler und Lehrer ein- und ausgegangen waren. 

Ernst, witzig, unterhaltsam
"Ich höre den Politikerinnen und Politikern im Bundeshaus nicht so gut zu wie Ihnen", sagte Hanspeter Trütsch schmunzelnd zu Beginn der anschliessenden Fragerunde. Ein spritziges hin und her von Fragen und Antworten begann und sorgte für den zweiten unterhaltsamen Teil des Abends. Der Moderator stellte fest, dass in der Präambel der Bundes-, der Kantonsverfassung oder auch im Volksschulgesetz die christlich-humanistische Grundlage betont werde, dies oft vergessen gehe. Abt Urban schlug eine benediktinische Lösung vor: "Im Kloster lesen wir jeden Tag aus der Benediktsregel vor, damit niemand sagen kann, er kenne sie nicht". Die Politiker könnten dasselbe mit der Präambel "Im Namen Gottes des Allmächtigen" tun. Auf die Frage, was das Schweizerkreuz für ihn bedeute antwortete der Abt schlagfertig: "Es muss für vieles herhalten und gar nicht alles ist christlich". "Wie soll sich die flade in Zeiten der Sparrunden verkaufen?", fragte der ehemalige Schüler Hanspeter Trütsch. "Eltern suchen mehr als gute Bildung, gute Bildung erhalten ihre Kinder auch in anderen Schulen", sagte Abt Urban. "Dieses Mehr muss die Schule gut erklären und verkaufen". Hin und her ging die Fragerunde, mal ernst, mal witzig und auf jeden Fall unterhaltsam und informativ zugleich. Das Duo Fernsehmann und Abt war, um es in heutigen Worten auszudrücken, ein dream-team. (flade)

Moderator und Bundeshausredaktor Hanspeter Trütsch im Interview mit Abt Urban Federer OSB.
 
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