Was soll die Zukunft wissen?

Montag, 10. August 2015

Was soll die Zukunft wissen?

Was soll die Zukunft über die Tätigkeiten und die Geschichte des Katholischen Konfessionsteils im Kanton St.Gallen wissen? In seinem historisch wertvollen Archiv wird das Handeln von Administrationsrat und Kollegium seit 1813 transparent. Aktuell werden in einem 90'000 Franken Projekt wichtige Registratur- und Sanierungsarbeiten ausgeführt.

Zwei bedeutende Archive betreffen die Geschichte des ehemaligen Benediktiner-Klosters St.Gallen und der Katholischen Kirche im Kanton St.Gallen: Das Stiftsarchiv – das je zur Hälfte dem Kanton und dem Katholischen Konfessionsteil gehört – ist mit 1300 Jahren das älteste Klosterarchiv des Abendlandes. Hier sind alle Bestände des Klosters St.Gallen gesichert. Die Fürstabtei war gleichzeitig geistliche und weltliche Herrschaft, eine Trennung geschah erst nach der Klosteraufhebung. Die weltliche Herrschaft ging an den 1803 gegründeten Kanton St.Gallen, die Verantwortung für das religiöse Leben wurde an den Katholischen Konfessionsteil des Kantons St.Gallen delegiert. In seinem Archiv ist die Geschichte der demokratisch organisierten, staatskirchenrechtlichen Organisation seit damals präsent.

Mängel beheben
Bisher waren nicht alle Akten systematisch erfasst, es gab sicherheitstechnische und klimatische Mängel sowie einen nach heutigen Erkenntnissen ungenügenden Hochwasserschutz. Ein Konservator/Restaurator hat die Gesamtsituation analysiert, worauf notwendige räumliche und technische Sanierungsmassnahmen ergriffen worden sind. Im Auftrag des Administrationsrates hat das Stiftsarchiv ein Ordnungsprinzip nach Archivstandards erarbeitet. "Die Zusammenarbeit mit dem Stiftsarchiv ist für uns ein Glücksfall, das Know-how ist vorhanden und die Nähe quer über den Klosterplatz ein grosser Vorteil", sagt Martin Karrer, Projektleiter auf Seiten des Konfessionsteils. Die Fleissarbeit in Kellern und zwischen den Regalen leisten junge Historiker, aktuell Cyril Schiendorfer aus Winterthur. Er sichtet, ordnet und erfasst die Archivalien gemäss dem neuen Signatursystem. Für den Geschichtsstudenten ist es eine staubige und spannende Reise in die jüngere Vergangenheit. Das Schmuckstück unter den Archivalien ist die Reorganisationsbulle Instabilis rerum humanarum natum. Die rechtliche Entstehung des Bistums beruht auf diesem Pergament vom 8. April 1847. An der Urkunde hängt eine Bleibulle mit den Häuptern der Apostelfürsten Petrus und Paulus. Die Urkunde regelt unter anderem das weltweit fast einmalige Bischofswahlrecht durch das Domkapitel.

Gerüchte und Fakten
Seit der Gründung des Konfessionsteils sind viele Laufmeter Unterlagen gesammelt worden. Urkunden, Bücher über die Güteraufteilung zwischen Kanton und Katholiken, Buchhaltungen, Fotos oder wenige museale Gegenstände wie Bilder. Trouvaillen sind darunter ebenso wie eher uninteressante Protokolle und Buchhaltungen. Eine eigentlich organisationsfremde Ausnahme des Archivs ist die Sammlung aller Ostschweiz-Ausgaben, der einstigen katholischen Tageszeitung. Jakob Kuratli vom Stiftsarchiv weiss auch von Gerüchten über nicht vorhandene Archivalien zu berichten, die zum Schmunzeln anregen: "Die Mär vom Tunnel zwischen Benediktiner-Kloster und Kloster Notkersegg hat sich lange hartnäckig gehalten", sagt er schmunzelnd. "Aber es gibt nirgends die kleinsten Hinweise darauf".

Nicht alles, was gesammelt wurde, ist archivwürdig. Entsorgt wird trotzdem zurückhaltend. "Im Archiv muss das gesamte Handeln des Konfessionsteils seit der Gründung transparent bleiben", fasst Martin Karrer zusammen. Und Jakob Kuratli betont, dass der Konfessionsteil den Löwenanteil des Weltkulturerbes im Stiftsbezirk verwalte und deshalb auch der Unesco gegenüber grösste Transparenz schulde. Grosse Projekte wie der neugestaltete Altarraum in der Kathedrale werden darum sehr ausführlich dokumentiert. Und den Forschern wird durch die einfachere Ordnung und Übersicht ihre Arbeit erleichtert.

Geschichtliches
Das Kloster St.Gallen war der Vorgängerstaat von Kanton und Katholischem Konfessionsteil des Kantons St.Gallen. Als nach Ausbruch der französischen Revolution französische Truppen 1798 auch die Ostschweiz besetzen, wird das Kloster aufgehoben, 1803 der Kanton gegründet. Die Vermögenswerte der Abtei werden zwischen dem Kanton und den St.Galler Katholiken aufgeteilt. 1813 erfolgt zur Verwaltung dieser Güter die Gründung des Katholischen Konfessionsteils. Das Bistum St.Gallen besteht seit dem 8. April 1847. Vorher gehörte das Gebiet zum Bistum Konstanz, später zum Doppelbistum Chur-St.Gallen.

Martin Karrer, Kath. Konfessionsteil; Cyril Schiendorfer, Student; Jakob Kuratli, Stiftsarchiv (v.l.)
 
druckenzum Seitenanfangzurück